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Bittersweet
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Bittersweet_Mara Wagenfuehr
Mara Wagenfuehr_Finissage
Me, myself and I
Platzhalter

Die Künstlerin als märchenhafte Figur

Dystopische Symbolik

Eine junge Frau kniet in einer grünen Landschaft und bläst durch ein schmales Röhrchen Seifenblasen in die Luft.
Zwei überdimensionierte Farnblätter kennzeichnen diesen weitgehend flächig gemalten und ansonsten recht aufgeräumt wirkenden Locus Amönus. Ein idyllisches Bild, wären die erwartungsgemäß durchscheinend klaren Bläschen nicht pechschwarz. Ihnen fehlt alles Luftige, sie hängen schwer vor dem lichten Türkis der Himmelszone. Zum oberen Bildrand wachsen sie sich aus zu großen Blasen. In den größeren Blasen haben sich alienhafte Missgeburten entwickelt, die, noch gefangen, nur darauf zu warten scheinen, nach dem Platzen der Blase ihr unvermeidlich unheilvolles Werk zu beginnen. Diese Unwesen aber sind anatomische Abbilder von Herzen, schön rosig, dennoch herausgerissen aus einem funktionierenden Organismus.

Der Frau mit dem Strohhalm wächst, während sie weiter Bläschen in die Luft pustet, scheinbar unbemerkt eine Begleiterin aus dem Schoß, eine Hyäne. Die Ausgeburt einer Hyäne. Ein absonderliches Tier, dem im Allgemeinen der zweifelhafte Ruf eines Aasfressers, eines marodierenden Schmarotzers zuteil wird, der von der Jagdleidenschaft anderer Tiere profitiert.
Die Frau, deren Kleid mit denselben Tüpfelflecken wie das Fell der Hyäne gemustert ist, scheint sich jedoch nicht weiter daran zu stören, was aus ihrem Innern kommt. Und das Tier mag einem beinahe sympathisch erscheinen.

Es ist diese Ambivalenz, die Mara Wagenführs Bilder durchdringen. Formale und inhaltliche Gegensätze - bezogen auf die Malerei und das Bildinventar und dessen Konnotationen - sind charakteristisch für ihre Bilder.
Einerseits eine Szenerie der Harmonie schaffend, gebiert sie andererseits die dunkle Seite des Diesseits, den inneren Moder, der wie schwer geteerte Lungenbläschen die reine Luft verunstaltet. Dauerhaft und ohne jede Leichtigkeit setzen sie sich vor dem hellen Hintergrund des Himmels fest. Ein verstörendes Miteinander von paradiesisch-kindlicher Märchenwelt und todbringender Symbolik.

Die gotisch flache, wenig illusionistische Raumauffassung unterstützt die Anmutung einer jenseitig entrückten Verortung der Szenerie. Die Malweise ist flächig, verhalten schattiert, der Farbauftrag glatt, jedoch den Pinselduktus nicht durchgängig leugnend. Die bisweilen pastellige Farbpallette wird wieder zurückgenommen durch die Verwendung unreiner Farben. Türkis und naturnahe Grüntöne verhalten sich dezent komplementär zu den vereinzelten Rosa- und Rottönen. Auffallend ist auch die nicht vollendet erscheinende Zeichnung der Frau, an deren unterem Rand die Farbe fehlt - ein Hinweis auf das Unperfekte, den Bruch im Paradies, das keines sein kann.

Meist sind Mara Wagenführs großformatige Arbeiten reliefartige Collagen. Auf den  Bildern kleben glitzernde Pailletten in allen erdenklichen Farben und fügen sich zu Ornamenten. Diverse Stoffe und auf Leinwand ausgedruckte Fotos sind auf dem Malgrund eingenäht. Das Herauswachsen unterschiedlichen Materialien verleiht den Bildern einen höchst organischen Charakter.

Der stille Kampf in Mara Wagenführs Bildwelten - des eigenen Ichs mit den Kreaturen, wie sie in uns hervordringen, spitzt sich zu, während die spannende künstlerische Auseinandersetzung mit den formalen Gegensätzen noch lange nicht letztgültig ausgefochten ist und eine interessante Fortsetzung in ihrem Werk verspricht.


Die Künstlerin als Heilige

Glitter und Vanitas

Das Kunstwerk, das rätselhaft bleibt, ist das wahre Kunstwerk. Es lebt, fordert, will enttarnt werden und gibt sein letztes Geheimnis doch nicht preis. Und es ist nicht einfach schön.

Alles Sehen zielt zunächst auf die Oberfläche. Mara Wagenführ präsentiert uns eine zeitgemäß gekleidete junge Frau mit bauchnabelfreiem Trägershirt. Die helle glatte Haut, flächig und in leicht nuancierten Tönen gemalt, verleiht der Anbetungswürdigen ihre kosmetisch jugendlich Hülle. Der lasierte Farbauftrag wirkt durch das teilweise stehengelassene Grobe der Leinwand umso feiner. Die Farbvariation ist wohl kalkuliert, aber aufreizend - pastelliges Rosa und kräftige Pink-Töne dominieren.

Gerade diese Auswahl "barbie"-hafter Farben, die in den Madonnenbildern dominiert, irritiert den Betrachter, ruft sogar Widerwillen und Ablehnung hervor. Was uns etwa bei Babykleidung süß und niedlich erscheint, reklamieren wir hier: Die Farben, in Verbindung mit dem schrillen Pailletten-Glitter, scheinen sich in den "falschen" Kontext der hehren Kunst verirrt zu haben. Die Bilder Mara Wagenführs, insbesondere die Madonnen-
selbstbildnisse, fordern unsere Sehgewohnheiten heraus.
Es liegt an der provokant anmutenden Haltung, die uns die Malerin durch ihre Farbwahl 
u n d das Nebeneinander profan-sakraler Inhaltsebenen wie selbstverständlich vor Augen führt. Für den Betrachter ist eine disparate Wirkung der Bilder unwillkürlich spürbar, aber nicht ad hoc zu fassen.

Der Totenkult findet immer wieder Eingang in ihren Bildern. In der Gestalt des Schädels erkennen wir das Symbol des Todes schlechthin, global verständlich. Ergänzend dargestellt wird die Thematik mit persönlich gewählten Zeichen der Vergänglichkeit, Herzen, gewaltsam entrissen oder aus einem nicht mehr funktionierenden Organismus herausoperiert. Dazu kommen Statements, extrahiert aus Songtexten. Oder auch signifikante Wörter wie "bitter" und "sweet", die über das "memento mori", das Bewusstsein von der Endlichkeit diesseitiger Existenz, hinaus auf die Fragilität von Schönheit, Jugend und Liebe anspielen.

Auf ihren Reisen nach Mexiko stößt die Künstlerin auf den Kult der Maria de Guadalupe, der  mexikanischen Schutzheiligen. Die Nationalheilige wird von sämtlichen Gesellschaftsschichten vereinnahmt und für alle erdenklichen Anlässe zu Rate gezogen. Die Begegnung mit ihr, in Form von Alltagsdevotionalien aller Art, ist nahezu unausweichlich. Neben der Formulierung westlich geprägter Privat-Spiritualität zitiert Mara Wagenführ in ihren Bildern diese bisweilen skurrile Zeichenhaftigkeit einer tiefen Frömmigkeit Lateinamerikas.

Unnahbare Heilige

Mara Wagenführs Version der Madonna ist denn auch nicht die einer demütigen Jungfrau Maria und ihre Adoration erscheint fragwürdig. Sie wirkt eher hart, der Blick fest, ansonsten zeigt sie keine Emotionen. Ihr sinnlicher Mund mit den kirschroten Lippen ist nichts sagend geschlossen, ihr schulterlanges Haar ist rot und hellrosa gemalt. Die Haut ist glatt und weich, von zartem Teint, doch die schöne Hülle verbirgt mehr als sie preisgibt, auch die Abgründe. Vor ihrem grünen Shirt baumelt ein Lebkuchenherz, auf dem in Zuckerguss geschrieben steht: "bitter". Sie ist keine Madonna, deren Liebe uns gewiss ist. Denn gleich einer Trophäe, aber keineswegs triumphal wie die Salomé den Kopf des Johannes, auch nicht übertrieben stolz, eher als Zeichen für ihr eigenes Überleben, hält sie uns in ihrer geballten Faust, ein riesiges, rosafarbenes Herz entgegen.

An ihrer Schulter und in ihrem Haar haben sich zwei große Schmetterlinge niedergelassen, mit Flügeln hauchfein lasiert. Schmetterlinge stehen für Leichtigkeit, Schönheit, das hochfliegenden Gefühl, das Kribbeln des Neuanfangs. Im Griechischen Psyché genannt, bedeutet der Schmetterling schon in der Antike die vom Körperlichen losgelöste ewige Seele. Er versinnbildlicht die Befreiung aus der Hülle, die Auferstehung und Unsterblichkeit, aber auch das Flatterhafte, Abschweifende, Gefällige. Wegen seiner kurzen Lebensdauer verkörpert er zudem die Vergänglichkeit der Schönheit und die Nichtigkeit der physischen Existenz.

Auf dem zweiten Bildnis hält sie gleich einer Fee eine Art Zauberstab in der Hand, hinter ihrem Kopf räkeln sich sternenförmig die großen Arme eines Kraken. "Sweet" steht hier auf dem Lebkuchenherz.

Im dritten Bildnis sehen wir ihren Oberkörper von der Seite, der Kopf ruht nun beinahe entspannt in ihrer Linken. Ihr Gesicht en face zu uns gedreht, schaut sie uns tief in die Augen. Während sich die Künstlerin in den ersten beiden Bildnissen als Halbfigur darstellt, erscheint sie uns im dritten näher gerückt, sodass kein Lebkuchenherz mehr zu sehen ist. Stattdessen sind ihr zwei merkwürdige Dutts auf den Kopf gepflanzt, es sind zwei Herzen, die mit schnörkelhaften Blutadern eine Verbindung eingehen - ohne die sie nicht existieren können?

Anatomisch korrekte Abbildungen des Organs sehen wir immer wieder in Mara Wagenführs Bildern, keine Herzen der Art, wie wir sie gewöhnlich stilisieren. Das Herz als das Symbol des Lebens ist hier bezüglich seines Symbolgehalts ins Gegenteil verkehrt. Doch in den Madonnenbildern, wo der Wille zur inszenierten Selbststilisierung und kompositorischen Zentrierung auf die eigene Person am deutlichsten wird, tauchen sie genau so auf - als Lebkuchenherzen.

Das Nebeneinander von Herzen in Lebkuchenform und Herzen in anatomischer Darstellung ist denn auch signifikant für die Bildsprache in den Madonnenbildnissen: vom Wissen um die Verletzlichkeit sowohl der physischen Natur als auch der Seele geprägt. Eine Art Passionsgeschichte mit klarer Fokusierung auf die weibliche Ebene. Dabei bleibt es in der reinen Anschauung offen, inwieweit die Ausschließlichkeit der Personalisierung des Selbst über das exemplarisch Allegorische hinausgeht und die eigene Lebenswirklichkeit widerspiegelt.

Es gehört zum Wesen des Menschen, sich vom Sentiment betören zu lassen, den schönen Moment zu verklären, während das Tragische und Endliche im Leben unvermeidlich mitschwingt. Die Bilder Mara Wagenführs zeigen diese Antipoden des menschlichen Daseins. Nicht ausgeschlossen, dass, wer sich mit dem schönen Schein beschäftigt, gefährdet ist, selbst dem schönen Schein zu erliegen. Aber Mara Wagenführ überschreitet diese Grenze zum Gefälligen nur scheinbar. Den einen mögen die Bildkonzepte Mara Wagenführs zu schnell gefallen, anderen auf den ersten Blick gar nicht. Beides würde zu kurz greifen. Es lohnt sich sowohl die Erkenntnis der formalen malerischen Mittel als auch die inhaltlich reichhaltigen Verweise zu entziffern. Der scheinbar zuckrig-glatten Malweise nicht auf den Leim zu gehen, sondern einer weiter gehenden Betrachtung zu unterziehen. Die Bilder Mara Wagenführs sind hierfür geradezu prädestiniert.

Text: M. H. | aus Katalog Mara Wagenführ | demnächst im studio_01


wiesbadener Kurier vom 03.06.2008

Mara Wagenführ im studio 01 Artikel herunterladen
Von Ulrike Brandenburg

ub. WIESBADEN Flächig-dekorative Muster-Module und eine pastellig-fluoreszente Farbigkeit in Entsprechung zu vordergründig märchenhafter Motivik: Mara Wagenführ, deren aktuelle Selbstporträts derzeit im studio 01 zu sehen sind, scheint dem Mainstream zu folgen. Doch was auf den ersten Blick so angesagt daherkommt, ist subtiles Zitat und damit ebenso theoriewertig wie autobiografisch relevant.

Ästhetik der 70er

Die mit Bedacht gewählte Neo-70er-Ästhetik transportiert Mimikry im Dienste der Authentizität. Geschickt spielen die Selbstinszenierungen der jungen Malerin mit Kunstgeschichte und Psychoanalyse, mit Ethno-Kitsch und den Storys von Andersen und Brother Grimm. Vor undefinierter Kulisse hüllt die junge Frau sich etwa in einen totemhaften Traum-Umhang; das archetypische Selbst, verloren und zugleich geborgen im doppelköpfig züngelnden Schakalmantel, füllt den Bildraum mit Votiv-Symbolen. Zum Selbstbild gehört allerlei Stickerei, zudem schöner Tand und Firlefanz, gemalte Totenköpfe und echte Pailletten, schließlich Madonnenallusionen und die anatomisch korrekte Darstellung des menschlichen Herzens: Besonders die Anspielung auf die Autoporträts der Frieda Kahlo sind kaum zu übersehen - und damit das Konzept einer expliziten Formulierung weiblicher Position, in welcher die spielerisch-subjektive Rezeption von Welt und Selbst ebenso zur persönlichen Identifikation wie zur objektiven Deutung verführt.

bis 19.6., Herderstr. 11, do., 17-19, sa., 15-17


Vita:

* 1976       geboren in Mülheim/Ruhr
 
Auslandsaufenthalte/Reisen

1995- ´96 Studienaufenthalt/studied in New York City   
1999 Austauschsemester/exchange semester, Barcelona, ERASMUS
2003 Arbeitsaufenthalt/worked in Mexiko

Studium

1997 – 2002
Universität der Künste, Berlin, Klasse Prof. Wolfgang Petrick, Meisterschülerin


Einzelausstellungen | Soloshows

2006
"Ich glaube, wir sind Engel", Hospitalhof, Stuttgart (catalogue)
"my secret life", Krammig & Pepper Contemporary, Berlin
"bis ich Dich finde ...", UniqueGallery, Köln

2005
Museumshof, Neuruppin "I'll be with you someday", Centro cultural, casa Borda, Taxco, Mexiko

2004
Jahresstipendium der Dorothea Konwiarz Stiftung, Berlin
Kloster Saarn, Mülheim an der Ruhr

2002
"Torsten und Laura; Einhörner", Galerie Engler und Piper, Berlin

Gruppenausstellungen | Groupshows

2007
"Bremen Pop", Art Academy, Dresden

2006
"modern landscapes", Galerie Burkhard Eikelmann, Düsseldorf

2005
"DEEP ACTION/ Wolfgang Petrick und Meisterschüler", Georg Kolbe Museum, Berlin (catalogue) Kunstkreuz Friedrichshain, Berlin

2004
"Kunstbombe", Messe für junge Kunst, Flottmannhallen, Herne
Ausstellung der Stipendiaten, Dorothea Konwiarz Stiftung, Berlin
Weihnachtsausstellung, Stiftung Starke, Berlin

2003
"3 aus 9", Ausstellung zum Meisterschülerpreis, Universität der Künste, Berlin
"Kunstbombe", Messe für junge Kunst, Flottmannhallen, Herne
Gestaltung eines Blattes des Grafikkalenders 2004, hrsg. von der Taborpresse Berlin & der Büchergilde Gutenberg

2002
"Junge Meisterinnen des frühen 21. Jahrhunderts", Rocket Shop, Berlin
Jahresausstellung Mülheimer Künstler, Museum in der alten Post, Mülheim an der Ruhr
"holy spirits", Galerie Wieland, Berlin

2001
"Junge Kunst- gegenständlich", Stiftung Starke im Löwenpalais, Berlin
Jahresausstellung Mülheimer Künstler, Museum in der alten Post, Mülheim an der Ruhr

2000
"Tor 1", Klassenausstellung, Klasse Peof. Wolfgang Petrick, UDK
Philip Johnson Haus, Berlin
"Lametta Inn", Maou- Maou gallery, Berlin

1999
Playroom Berlin
Galerie im Aufbau/ Galerie Thor Zimmermann, Köln

         
                     
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Ausstellungen 2006 2007 2008 2009  
 
Ausstellungsdauer: 17.05. - 16.08.2008
Vernissage | 16.05.2008 | ab 19 h

Öffnungszeiten | do. 17-19h | sa. 15-17h | und nach Vereinbarung
Finissage Samstag | 16.08.2008 | 17 - 19h



Zusätzliches im Gastwerk Degenhardt

Zur Zeit können Sie eine audio-kinetische Arbeit von Takashi Mitsui und Arbeiten von Peter Freitag im Gastwerk Degenhardt anschauen und anhören. Die Installation wird für die nächsten Monate ein fester Bestandteil der austgestellten Kunstwerke im Degenhardt sein
Standort: Café Degenhardt | Luisenplatz 4 | 65185 Wiesbaden
Weiter Informationen zum Café Degenhardt:
hier klicken

 

 
 
 
 
 
 
 
             

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